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"Was immer du schreibst - schreibe kurz und sie werden es lesen, schreibe klar, und sie werden es verstehen, schreibe bildhaft und sie werden es im Gedächtnis behalten."

Joseph Pulitzer, amerikanischer Journalist und Verleger

 


Botschaft des freien Tunesien: "Besucht uns jetzt!" 

SIDI BOU SAID AM 27. FEBRUAR 2011

Eine kürzlich auf Einladung des Tunesischen Verkehrsbüros durchgeführte Reise durch ein Land im vollen Aufbruch war wohl eine der Aufwühlendsten in einem langen Journalistenleben. Welche Zukunft haben die 350'000 vom Tourismus abhängigen Menschen in Tunesien? Ende Februar 2011 habe ich für die Fachzeitung TRAVEL INSIDE das neue Tunesien besucht. Ein Tagebuch.

Samstag, 26. Februar: Der Tunisair-Flug 485 Zürich-Tunis ist bis auf den letzten Platz ausgebucht. Unter den mehrheitlich tunesischen Passagieren sind nur einige wenige Touristen auszumachen. Auf dem Flughafen in Tunis, der einst den Namen des allmächtigen Präsidenten trug, bilden diese kleine Grüppchen um die lokalen Vertreter, die sie abholen.

Im Pool, Garten und Mittelmeerfast gespenstig leeren 5-Stern-Hotel The Residence treffen Abennaceur Jerbi, Direktor der Schweizer Vertretung des Office National du Tourisme Tunisien (ONTT), und wir drei Deutschschweizer Journalisten auf vier Kollegen aus der Romandie, welche bereits am Nachmittag angereist sind. Danach haben sie sich ins Stadtzentrum begeben und sind auf der Hauptstrasse Habib Bourguiba mitten in eine Demonstration geraten und Zeugen geworden, wie Ordnungskräfte in die Luft geschossen haben — am Sonntag sollten wir erfahren wir, dass es drei Tote gegeben habe.Typische Fassade mit blauen Türen und Fensterziergittern

Sonntag, 27. Februar: Auf der Fahrt nach Sidi Bou Said sind an verschiedenen Kreuzungen gepanzerte Fahrzeuge zu sehen. Der bei den Touristen zu den Musts gehörende Bilderbuchort in Blau und Weiss gehört fast ausschliesslich Einheimschen und tunesischen Gästen — die Mehrzahl der Souvenirstände und -läden ist geschlossen. Wenig Betrieb gibts auch im herrlich gelegenen Hotel de Charme Dar Said, so dass sich Direktor Karim Ben Hassine Bey die Zeit nehmen kann, um die Schweizer Gäste durch sein Haus zu führen.

Ziemlich voll — mit Einheimischen und Ausländern — ist dagegen das Restaurant La Falaise, wo uns Mohamed Jerbi, der touristische Kommissär der Region Tunis, empfängt und uns die wichtigsten Daten des Fremdenverkehrs der Hauptstadt päsentiert: 115 klassifizierte Hotels, 850'000 ausländische Gäste mit zwei Millionen Übernachtungen, dazu 750'000 Kreuzfahrt-Besucher.

Weiter gehts nach Sousse. Dort sind an der ehemaligen Rue 7 Novembre Tafeln mit der Aufschrift «Rue 14 Janvier» zu sehen.

3000 Tage unbezahlte Ferien

Direkt am Strand und mitten in der StadtIm noch nicht einjährigen Mövenpick Resort & Marine Spa in Sousse, das sich sowohl direkt am Strand als auch im Stadtzentrum befindet, haben gemäss General Manager Peter J. Schönenberger alle 450 Mitarbeitenden in den letzten Wochen 3000 Tage unbezahlte Ferien bezogen. «Wir möchten in diesen schwierigen Zeiten niemanden entlassen müssen», erklärt er. Von den 618 Zimmern und Suiten sind derzeit 13 Prozent belegt. Bei den Preisen hat sich das Mövenpick nicht dem gefährlichen Verbilligungs-Trend angeschlossen. Man müsse in dieser Situation Selbstvertrauen zeigen, meint Schönenberger. Auch er hofft aber, dass sich die allgemeine Lage rasch wieder normalisiere. Er blickt derweil optimistisch in die Zukunft: «Die neue Regierung wird viel jünger sein als die Bisherige und mehr wirtschaftliche Kompetenz haben.» Zudem sei Tunesien eigentlich nicht arm und verfüge über viele gut ausgebildete Leute.

Das Nachtessen im Sushi- und Teppanyaki-Restaurant Sendai schmeckt ausgezeichnet — anzumerken ist, dass sich auch zwei jüngere einheimische Paare diesen kulinarischen Genuss gönnen.

Montag, 28. Februar: Beim Spaziergang durch die Medina von Sousse sind wir beinahe eine Attraktion — Gäste aus Übersee sind an Tunesiens Küste derzeit Ausnahmeerscheinungen. Am Ende unseres Rundgangs werden wir ins «Souvenir-Einkaufszentrum» Soula Center an der Place Sidi Yahia geführt. Auf vier Etagen haben etwa 40 Leute einfach nichts zu tun — insgesamt sind dort in drei Schichten 120 bis 150 Mitarbeitende beschäftigt.

In Port El Kantaoui, dem Baderesort vor den Toren von Sousse, vermittelt Wahid Ben Youssef, der regionale Tourismuskommissär, ein Bild der Lage: Nach dem 14. Januar sind 400 ausländische Gäste in der Region Sousse geblieben, gegenwärtig sind 1500 hier. Der Normalfall für diese Zeit des Jahres wären mindestens 5000 Gäste. «Täglich kommen 100 neue Gäste dazu», freut er sich, «und wenn im April die Charterflüge starten, hoffen wir auf baldigen Courant normal.» Ja, er geht sogar noch weiter: «Das neue Tunesien bringt uns hoffentlich auch neue Tour Operators.»

In Sousse und Umgebung stehen in 104 Hotels 40'000 Betten zur Verfügung.

Appell des Tourismusministers: «The place to be… Now»

Ziemlich gespannt fahren wir nach Tunis zurück, wo ein Treffen mit dem interimistischen Handels- und Tourismusminister stattfinden soll. Trotz Turbulenzen wie Rücktritte anderer Minister erscheint Mehdi Houas mit grosser Entourage zwei Minuten nach halb fünf: «Excusez-moi, wenn ich Gäste aus der Schweiz habe, sollte ich eigentlich pünktlich sein...»

Der 51-Jährige, der in Frankreich geboren wurde und dort eine von ihm aufgebaute internationale IT-Firma leitet, antwortet charmant und ausführlich auf die vielen Fragen zu seiner Person. Zur aktuellen Situation sagt er: «Tunesien ist nun ein freies Land, aber wir sind noch kein demokratisches Land.»

Was den Tourismus betrifft, hat er die klare Vorstellung, dass dem Land vier Wochen bleiben, um die kommende Sommersaison aufzugleisen. Die touristische Infrastruktur sei während der Jasmin-Revolution nicht beeinträchtigt worden. Jetzt gehe es vor allem darum, die wirtschaftliche Krise zu bewältigen. Von den 10,5 Millionen Einwohnern sind 500'000 arbeitslos, darunter gegen 70'000 mit einem höheren Abschluss.

Houas ist zuversichtlich, dass sich alles zum Guten wendet. «Wir müssen den Leuten aus dem Norden, den Europäern also, die Botschaft herüber bringen, dass sie es jetzt mit einem Land zu tun haben, welches die gleichen Regeln befolgt wie sie und dieselbe Sprache spricht.»

Er hofft deshalb auch, dass die Beschäftigung für die 85'000 direkt und 265'000 indirekt vom Tourismus Abhängigen schon ab April wieder zunehme. «Wir haben von vielen Seiten Sympathiekundgebungen erhalten — Sagen Sie Ihren Landsleuten: <Reist jetzt nach Tunesien!>» Nicht um die Menschen anzugucken, welche diese einigermassen friedliche Revolution gemacht haben, sondern um die 1300 km lange Küste und die Sehenswürdigkeiten im Landesinnern zu besuchen, fügt er bei.

Montag, 1. März: Ein Archäologieprofessor führt uns in Karthago durch die Ruinen der Antoninus-Pius-Thermen. Wie anders ist dieser Besuch heute als jener im letzten Sommer! Keine bewaffneten Soldaten mehr auf dem Gelände, welche mit Argusaugen darauf achten, dass niemand seine Foto- oder Filmkamera in Richtung des riesigen Präsidentenpalastes richtet, der sich unmittelbar neben dieser Ausgrabungsstätte befindet. Diese touristische Attraktion wurde 1979 in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.


 

Die beiden wichtigsten Daten

17. Dezember 2010: Der arbeitslose Hochschulabsolvent Mohamed Bouazizi , 26-jährig, zündet sich aus Protest gegen das Regime auf dem Marktplatz von Sidi Bouzid an. Er versuchte, sich als Früchteverkäufer durchzuschlagen, doch weil er keine Lizenz besass, hatten die Behörden immer wieder seine Waren konfisziert.

14. Januar 2011:
Diktator Zine el-Abidine Ben Ali verlässt Tunesien und macht damit den Weg frei für eine neue Regierung, die nach verschiedenen Wechseln bis zu den Wahlen vom 24. Juli im Amt bleiben soll.

Meine Fotos, welche auf dieser Reise entstanden sind, können hier angesehen und heruntergeladen werden.


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